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Interview: Jeder zweite schwere Unfall wäre vermeidbar
Es klingt ein wenig fantastisch, wenn Dr. Johann Gwehenberger, Leiter Unfallforschung AZT, 50 Prozent aller Unfälle mit Getöteten und Schwerverletzten für vermeidbar hält. Aber die Analyse von 2.300 Unfällen durch das AZT macht ihn sicher: Würden die im Forschungsprojekt AKTIV vorgestellten Schutz- und Fahrerassistenzsysteme flächendeckend zum Einsatz kommen, ließen sich zahlreiche Unfälle und damit Folgekosten in Milliarden-Höhe vermeiden. Beim Projekt AKTIV sind Unternehmen auf der Suche nach noch perfekteren Lösungen im Bereich der aktiven Sicherheit zusammengerückt und haben dieser Tage ihre Lösungsansätze vorgestellt. Es habe sich gezeigt, dass die Forschungslandschaft zwischen den Herstellern international sehr eng vernetzt ist, so Gwehenberger im Gespräch.
?: Herr Gwehenberger, Sicherheit ist das alles bestimmende Thema der Unfallforschung im Allianz Zentrum für Technik hier in Ismaning. Aktuell stellen Sie das von der Allianz mitbegleitete Forschungsprojekt AKTIV vor, das Ihre bisherige Forschungsarbeiten konsequent weiterführt. Was ist das Besondere
Gwehenberger: Das Allianz Zentrum für Technik befasst sich seit Langem mit dem Thema der aktiven Sicherheit. Wir haben beispielsweise die hohe Wirksamkeit von ABS für Motorräder oder ESP für Pkws und Lkws nachgewiesen. Die Unfallforschungsergebnisse sind wichtige Wegbereiter für die Umsetzung der Systeme. Zukünftige Systeme sind insbesondere die aktive Gefahrenbremsung, der Kreuzungsassistent, die integrierte Querführung und Schutzsysteme für Fußgänger und Radfahrer. Die Wirksamkeit dieser Systeme und deren Potenzial, Menschenleben zu retten, haben wir im Rahmen von AKTIV im Detail untersucht.
?: Die aktive und passive Sicherheit der heutigen Fahrzeuge ließ bislang vermuten, am Ende der Fahnenstange angekommen zu sein. Angesichts der von Ihnen genannten Systeme könnte man meinen, wir stünden erst am Anfang ...
Gwehenberger: In der Tat haben wir in Zukunft weiteres Potenzial, Unfälle durch Fahrerassistenzsysteme zu vermeiden. Insbesondere werden vorausschauende Systeme die Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation und die Fahrzeug-Infrastruktur-Kommunikation unterstützen. An der Kreuzung beim Abbiegen erkennt beispielsweise der Kreuzungsassistent, ob ein Fahrzeug im Gegenverkehr verdeckt ist. Der Fahrer wird gewarnt und in der Notsituation bremst das Fahrzeug automatisch ab.
?: Das Hauptproblem ist der Fahrer?
Gwehenberger: Die Unfallstatistik belegt regelmäßig, dass in über 90 Prozent der Unfälle das Fehlverhalten des Menschen ursächlich ist. Die Technik spielt dagegen nur eine untergeordnete Rolle.
?: Dieses Manko soll die Technik ausgleichen helfen. Wird der Fahrzeugführer nicht bevormundet?
Gwehenberger: Das darf auf keinen Fall passieren. Technik muss den Autofahrer in bestimmten Fahrsituationen unterstützen. Entweder als reines Komfortsystem wie beispielsweise die automatische Abstandsregelung oder als Sicherheitssystem, das in Notsituationen entsprechend warnt und, falls die Warnung nicht ausreicht, auch eine Notbremsung einleitet.
?: Wenn der Fahrer nicht mehr reagiert, sollte die Technik eingreifen?
Gwehenberger: Ja, genau so ist es. In einer entsprechenden Notsituation, wenn der Fahrer nicht mehr in der Lage ist, den Unfall selbst zu verhindern, sollte die Technik eingreifen und den Unfall möglichst vollständig abwenden oder zumindest helfen, die Unfallfolgen zu mindern.
?: Wie sehen Sie als Unfallforscher den Trend der letzten Jahre hin zu immer preiswerteren Fahrzeugen? Auch die Abwrackprämie hat die Tendenz verstärkt, Fahrzeuge zuzulassen, die nicht den höchsten Sicherheitsstandard haben. Hat das Folgen?
Gwehenberger: Als Unfallforscher sehe ich durchaus mit einem weinenden Auge, dass im letzten Jahr die Ausstattungsquote von ESP in Deutschland aufgrund der Abwrackprämie zurückgegangen ist. Ebenso registrieren wir den Trend zum Kauf von preiswerteren Fahrzeugen. Das bedeutet für den Fahrzeughersteller, dass er Fahrerassistenzsysteme zu einem entsprechend günstigen Preis anbieten müsste, damit eine nennenswerte Ausrüstungsquote erreicht werden kann.
?: Sicherheitssysteme sind noch immer Sonderausstattungen. Bei Umfragen ist beispielsweise ESP ein sehr wichtiges System, die Ausstattungsquote im Bestand ist aber immer noch unbefriedigend ...
Gwehenberger: In der Mittelklasse und Oberklasse ist ESP heute durchgängig serienmäßig. Das wünschen wir uns auch für kleine Fahrzeuge. Einige Automobilhersteller sind hier erfreulicherweise Vorreiter und haben alle ihre Modelle bereits serienmäßig damit ausgestattet.
?: Wie werden sich die im Rahmen von AKTIV vorgestellten Systeme verbreiten?
Gwehenberger: Heute sind diese Systeme zwar noch Prototypen, doch haben sie das Potenzial, in den nächsten fünf bis zehn Jahren Serienreife zu erlangen. Sie sollten dann möglichst schnell als Serienausstattung angeboten werden. Nur so lässt sich das hohe Sicherheitspotenzial ausschöpfen.
?: Wäre da nicht sogar die EU gefragt?
Gwehenberger: Die Europäische Kommission hat ein Gesetz auf den Weg gebracht, nach dem jeder neue Pkw und Lkw spätestens ab November 2014 mit ESP ausgerüstet sein muss. Für Nutzfahrzeuge ist darüber hinaus ab 2015 ein Notbremssystem vorgeschrieben. Aus unserer Sicht sind das sehr wichtige Schritte zu mehr Verkehrssicherheit. Wenn die im Projekt AKTIV entwickelten Systeme einmal serienreif sind und sich im realen Unfallgeschehen als wirksam erweisen, sollte der europäische Gesetzgeber ebenfalls eine Verpflichtung in Erwägung ziehen.
?: Wie wird das Auto in zehn beziehungsweise 20 Jahren sicherheitstechnisch ausgerüstet sein?
Gwehenberger: Wir rechnen fest damit, dass AKTIV-Systeme oder Derivate davon auf dem Markt sein werden, die in der Lage sind, das Unfallrisiko noch einmal deutlich zu reduzieren.
?: Beim Projekt AKTIV scheint das Konkurrenzdenken der Unternehmen ausgeblendet zu sein. Die einzelnen Firmen präsentieren hier unbefangen ihre Forschungsprodukte. Rückt hier die Weltautoindustrie dichter zusammen?
Gwehenberger: Ja, gerade im Bereich der aktiven Sicherheit stellt man erfreulicherweise fest, dass die Forschungslandschaft zwischen den Herstellern international sehr eng vernetzt ist, um gemeinsam wichtige Sicherheitsthemen voranzutreiben.
?: Was würde das Projekt unterm Strich bringen, wären im Idealfall alle Fahrzeuge mit den hier präsentierten Systemen ausgerüstet?
Gwehenberger: Wir haben insgesamt 2.300 Unfälle mit Personenschaden im Detail analysiert und kommen zum Schluss, dass bei flächendeckender Ausrüstung mit allen vier AKTIV-Systemen etwa 50 Prozent der Unfälle mit Getöteten und Schwerverletzten vermieden werden könnten. Auf Basis der Unfallzahlen von 2004 ließen sich so jährlich sieben Milliarden Euro an volkswirtschaftlichen Unfallfolgekosten einsparen.
?: 50 Prozent weniger Unfälle bedeutet auch 50 Prozent weniger Leid für Betroffene und Angehörige ...
Gwehenberger: Ja, und das ist wesentlich wichtiger als der monetäre Aspekt.
(Das Gespräch führte Hans-U. Wiersch/auto-reporter.net)
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